30.01.2008 14:39 | Mark Holzhauser | Veranstaltungen + Kultur | Ankündigungen | Bayern | Passau, Landkreis | Untergriesbach, Markt
Die Marktgemeinde Untergriesbach im Landkreis Passau hat eine alte, reiche und bewegte Geschichte, die im Hochmittelalter ihren Anfang hat, als man erst Zentralort der „Nobile de Griezpach“ und dann für 600 Jahre Besitz der Fürstbischöfe von Passau war. Schon die ersten urkundlichen Erwähnungen der alten Rodungssiedlungen schließen auch Grenzfragen ein, denn stets waren erst die Herren von Falkenstein, dann die Johannsteiner Edelmänner und später die Babenberger und die Habsburger enge Nachbarn, mit denen es auch Streit gab.
Untergriesbach hat fünf einst selbständige Gemeinden zur Großgemeinde zusammengeführt und dass dies gut gelang, findet seit 25 Jahren Ausdruck in den „Heimattagen“, die erst alle zwei und nun alle drei Jahre stattfinden. Charakteristisch für das Fest ist der Zusammenhalt aller Gemeindeteile, der Beitrag, den alle leisten und die gemeinsame Stimmung des „Wir“.
Jedes Fest bekommt sein Motto, mal waren es die Schulgeschichte und die Bedeutung der Leinenweber oder Graphit- und Porzellanerdegräber, mal der Wald und die Landwirtschaft.
Im kommenden Jahr nun, so hat es der Marktgemeinderat beschlossen, stehen die Heimattage unter dem Motto: „Unser Leben an der Grenze“.
Zwar hat die EU-Erweiterung sie verschwinden lassen, die Schlagbäume an den Zollämtern sind abgebaut und kein „Grüner“ hält die Menschen mehr auf bei gegenseitigen Besuchen der Bayern und Österreicher. Aber die Grenze lebt weiter in Erinnerungen und Geschichten. Sie lebendig zu erhalten, wird ein Ziel der im Juli 2009 abzuhaltenden Heimattage sein.
Zu erinnern und zu erzählen gibt es eine Menge! Da waren die sonst recht braven fürstbischöflichen Untertanen so verdrossen über die Zollerhebung zwischen dem Bistum und der Herrschaft Falkenstein, dass sie in finsterer Nacht eine „Brucken schlugen“ über den Grenzbach, den „Einnehmer“ links liegenließen und zum Ärger der Obrigkeit die Grenze umfuhren. Allerdings nicht lange, denn die Fürstbischöfliche Hofkammer schickte, wie die Chronik berichtet, handfeste Stockknechte und die „spanneten deren widerspinstige Bürger auf den Bock“ und versohlten ihnen den nackten Arsch.
Geschmuggelt oder geschwärzt (wie die Leute hier sagen wegen der rußdunklen Gesichter der Männer) wurde hier immer. Es gab eine Zeit, da Mastochsen in Österreich billig und in Bayern teuer waren, da haben die Zolleinnehmer nächtelang in der Wolfsschlucht gelauert und doch die Ochsen nicht abgefangen. Später dann wurden Feuersteine eingeschwärzt und Sacharin, als die Russen im gleich über dem nächsten Berg liegenden oberöstereichischen Mühlviertel die Besatzer waren, blühte das Schwarzbrennen und manche Flasche Hochprozentiger wurde durch die Wälder, über die Sümpfe und Bäche herübergetragen.
Die Sowjetsoldaten boten den Untergriesbachern auch ein Ausflugsziel: Sie standen mit starrer Miene auf der Brücke über den Grenzbach, wenn die Mannsbilder ihre Frauen zum „Russenanschauen“ ausführten. Weniger lustig war es allerdings im recht kalten Winter 1945/46, als der Grenzbach zufror, die Bayern ihre Eisstöcke herauskramten und sich ganz unbekümmert um die Weltläufe dem traditionellen Winterspaß hingaben. „Was du tun?“ schrie ein Russe und einer der Männer schrie zurück: „Was denn nachert? Eisschießen halt!“
Kaum hatte der Iwan das Wort „schießen“ vernommen, als schon eine kleine Truppe ausrückte, die Eisstockschützen vom Grenzbach wegfing und in die „Kommandantura“ ins österreichische Rohrbach brachte. Es brauchte lange Unterhandlungen und einen Schnellkurs in bayerischer Folklore für Russen, ehe die Männer wieder heimgehen konnten.
Untergriesbachs Grenze erlebte in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts auch eine europäische Besonderheit. Das deutsch-österreichische Grenzkraftwerk Jochenstein, damals das größte Europas, konnte nur gebaut werden, weil die Besatzungsmächte auf beiden Seiten erlaubten, eine „Zollenklave“ einzurichten mit festem Zaun, Zollämtern und Enklavengeld!
Um darüber mehr zu erfahren, werden die Untergriesbacher bei den nächsten Heimattagen ein Buch zu lesen bekommen, das ihr Ehrenbürger und Archivar Volker Stutzer über den Bau des Kraftwerks innerhalb einer kuriosen Zollenklave geschrieben hat.
Mark Holzhauser
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