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30.10.2009 09:26 | Mark Holzhauser | Veranstaltungen + Kultur | Kunst | Bayern | Passau, Landkreis

( Bewertung: Keine Bewertung )

Scherenschnittkunst ist ein Muster der Abstraktion



Bild 1 Unser „Deinreport“-Beitrag über die Märchenillustrationen der Scherenschnittkünstlerin Lilian Stutzer ist für die regelmäßigen Besucher der Internetplattform weiter interessant, das zeigt sich am regen Aufrufen der Seite. Es scheint nicht zuzutreffen, dass die angeblich so altbackene, verstaubte Kunst des Silhouettenschneidens an den Seh- und Versteh-Gewohnheiten der „Moderne“ vorbei geht. Man möchte fast sagen – im Gegenteil. Der Scherenschnitt ist bei näherem Hinsehen ein Muster der Abstraktion. Er ist nicht farbig, gibt noch nicht einmal vor, Dreidimensionalität vor’s Auge zu stellen, reduziert auf das Wesentliche und bietet nur Umrisse. Das müsste eigentlich jeden modernen Künstler anregen, es mit seinen Strichen, Kreisen, Punkten und ineinanderfließenden Farben ähnlich zu machen.
Eine flache Darstellung Schwarz auf Weiß zu gestalten sollte eigentlich die „Bilderkennungs-Software im Gehirn“ (nennen wir sie einfach mal so) irritieren und ein Muster erzeugen, das uns nicht auf den ersten Blick das vollständige Image mit Bedeutung und Sub-Bedeutung zeigt und im Fall der Märchenillustrationen den Wortlaut und –klang des Grimm’schen Erzähltons gleich mit. Nun ist aber genau dies der Fall.
Natürlich hat das einen Grund und wer nachdenkt, findet ihn auch. Mit dem Menschen wurde offenbar das Sehen, Verstehen und Umbilden des Schattens in ein verstehbares Abbild der Welt geschaffen und geboren. Die seltsamen Handabdrücke auf und neben den Höhlenmalereien der Steinzeit sollen, so meint die Wissenschaft, festgehaltene Schatten sein, die vom Feuer auf die Steinwand gegaukelt wurden. Mit ein wenig Phantasie ist der frühe Mensch vorstellbar, der seine Kinder mit dem Schattenbild des Langohrs amüsiert, das er auf den Hintergrund zaubert – oder den unter einer Last gebückt daherschleichenden Alten. Hat uns der Vater nicht seinerzeit an langem Winterabend diese und andere Handschattenwesen gezeigt und dafür unsere Bewunderung geerntet?
Die Bedeutung des schwarz-weißen Schattens für die Philosophie hat am eindringlichsten Plato mit dem Höhlengleichnis geboten und wer glauben sollte, auf bloße Schattenrisse reduzierte Menschen, Fabelwesen und ganze Geschichten könnten nichts bewirken, der hat das javanische Schattentheater mit Handpuppen nicht gesehen.
Bild 2 Diese , auf den ersten Blick etwas abseitig erscheinende Betrachtungsweise simpler Scherenschnitte soll zum Nachdenken anregen. Das Vergnügen an zwei weiteren Märchenillustrationen, die wir hier zeigen, ist davon unabhängig. Froschkönig und Aschenputtel sind gar keine Schatten – wir müssen nur genau hinschauen, sie sind das Abbild unserer Gedanken und Gefühle.

Mark Holzhauser
© für die Scherenschnitte bei der Künstlerin




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